Soziale Kompetenz – ein inflationär verwendeter Begriff

Besonders oft höre ich diesen Begriff im Bereich der Personalberatung und des Recruitings. Man sollte meinen, dass in diesem Umfeld der Begriff wohldefiniert und reflektiert verwendet wird, aber jedesmal, wenn ich die Frage nach einer wissenschaftlich fundierten Definition von Sozialkompetenz stelle, ernte ich anhaltendes Schweigen. Daher widme ich heute einen Artikel diesem Thema.

An sich ist die Informationsbeschaffung zu diesem Begriff ja gar nicht so schwierig. Einmal kurz gegoogelt, liefert Wikipedia schon eine recht passable Antwort:

„Hinsch und Pfingsten bezeichnen als soziale Kompetenz im Sinne einer Arbeitshypothese „die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen für den Handelnden führen“ (Rüdiger Hinsch, Ulrich Pfingsten: Das Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK). Grundlagen, Durchführung, Materialien. Beltz, PVU, Weinheim 2007, S. 82-83).“ Dieses Gruppentraining ist übrigens auch als Management-Training einsetzbar und ich habe darauf basierend, kombiniert mit Erkenntnissen der Betriebwirtschaftslehre, der Gruppendynamik und diverser psychotherapeutischer Schulen, ein recht brauchbares Fürhungskräftetraining entwickelt.

Nun wird man wohl nicht umhin kommen, das Buch von Hinsch und Pfingsten zu lesen, wenn man ein tieferes Verständnis des Begriffes wünscht. In aller Kürze habe ich hier zusammengefasst, wass Sie bei der Lektüre dieses Buches erwartet:

Soziale Kompetenz ist zunächst einmal relativ zu sehen. Ob sich jemand sozial kompetent oder sozial inkompetent verhält, kann nur beurteilt werden, wenn man die Ziele der handelnden Person kennt. Möchte eine Person eine Beziehung positiv gestalten oder zerstören? Möchte eine Person Vertrauen gewinnen oder Misstrauen sähen? Wenn eine Person mit ihrem Verhalten ihr Ziel erreicht, dann hat diese Person offensichtlich sozial kompetent gehandelt.

Damit wird aber gleichzeitig die Beurteilung sozial kompetenten Verhaltens durch Beobachter schwierig, denn wer weiß schon mit Sicherheit, welche Ziele eine bestimmte Person verfolgt? Meistens wird man hier nur Annahmen treffen können und meistens werden diese Annahmen nicht stimmen. Am besten lässt man also die Zuschreibung von sozialer Kompetenz oder Inkompetenz gleich sein. Als Ersatzbegriffe würden sich dann etwa anbieten: Eine Person ist mir sympathisch/unsympathisch; erfüllt meine Erwartungen/erfüllt meine Erwartungen nicht; usw.

Aber wie war das nochmals mit der Arbeitshypothese?

Die Wirksamkeit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Trainings kommt nicht von ungefähr. Da braucht es schon Begriffe, die sich in der Praxis als brauchbare und funktionale Tools erweisen.

Dazu definieren Hinsch/Pfingsten drei Typen sozialer Situationen, die den Menschen Probleme bereiten können. Es sind dies:

  1. Recht durchsetzen
  2. Beziehungen gestalten
  3. Um Sympathie werben

1. Recht durchsetzen

Ein Beispie für diesen Situationstyp ist zum Beispiel die Durchführung einer Reklamation. Die Rechtslage ist klar: Ich habe ein klagbares Recht auf eine fehlerfreie Ware. Das Machtverhältnis in dieser Situation sieht so aus (Abbildung aus Hinsch/Pfingsten, 2007, S. 183):

ICH-du

Ein erfolgversprechendes Verhalten in dieser Situation ist gekennzeichnet durch

  • Verzicht auf Entschuldigungen
  • Blickkontakt
  • lautes deutliches Sprechen
  • usw.

Vom Prinzip her haben wir es in dieser Situation mit den Zielen des klassischen Selbstwerttrainings zu tun.

Ganz andere Kompetenzen sind jedoch gefragt, wenn es kein durchsetzbares Recht gibt, wie das oft der Fall ist etwa in der Beziehungsgestaltung innerhalb von Familien und Unternehmen. Hier können Wünsche aneinander gerichtet werden, aber es gibt immer Mittel und Wege für den anderen, hier mehr oder weniger auszuweichen. Wir haben es dabei mit dem Situationstyp „Beziehungen gestalten“ zu tun.

2. Beziehungen (gestalten)

Unter der Annahme, dass Familien und Unternehmen an einer langfristigen Aufrechterhaltung der Beziehungen interessiert sind, eignen sich die oben beschriebenen Kompetenzen hier kaum. Im Gegenteil, sie führen zu Rückzug, Abschottung und schlimmestenfalls zum Beziehungsabbruch. Der Situationstyp „Beziehungen“ erfordert vielmehr die Herstellung eines Konsens. Das Machtverhältnis in dieser Situation stellt sich folgendermaßen dar (Abbildung aus Hinsch/Pfingsten, 2007, S. 183):

ICH- DU

Hier ist das klassiche Durchsetzungsverhalten kontraproduktiv. Vielversprechend dagegen ist der Versuch, sich zu einigen. In dieser Situation werden daher andere Kompetenzen benötigt. Es  sind dies etwa:

  • Aussprechen eigener Gefühle und Bedürfnisse sowie
  • Verständnis für Gefühle und Bedürfnisse des anderen
  • eigene Unsicherheit offen anspechen

3. Um Sympathie werben

Manchmal gibt es aber Situationen, da benötigen wir von unseren Mitmenschen bzw. MitarbeiterInnen Gefälligkeiten, die eigentlich gegen einen rechtlichen Anspruch gerichtet sind. Also etwa zu spät angekündigte Überstunden. Der andere muss zu unseren Gunsten auf sein Recht verzichten. Hier haben wir folgende Machtsituation (Abbildung aus Hinsch/Pfingsten, 2007, S. 183):

ich - du

Hier ist das erfolgsversprechende Verhalten gekennzeichnet dadurch, dass sich die fordernde Person klein macht. Ich erhöhe meine Chancen mit diesem Anliegen durchzukommen, wenn ich dem anderen sympathisch erscheine. Dies erreicht man in der Regel damit, dass man

  • interessiert zuhört
  • Komplimente macht
  • eigene Unsicherheiten anspricht
  • über sich selbst erzählt

Fazit

Hinsch und Pflingsten zeigten in ihrem Buch, dass eine hinreichend klare Definition des Begriffes „Soziale Kompetenz“ möglich ist und entwickelten auf Basis dieses Begriffes ein gut evaluiertes Trainingskonzept für den klinischen Bereich und für das Management.

Falls Sie zu diesem Thema noch Fragen haben, oder sich für ein  Einzel- oder Gruppentraining sozialer Kompetenzen interessieren, können Sie mich auch über meine Website http://www.reflekt.at erreichen.

Weiterführende Literatur und Quelle: Rüdiger Hinsch, Ulrich Pfingsten: Das Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK). Grundlagen, Durchführung, Materialien. Beltz, PVU, Weinheim 2007

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Über Irene Pollak

Mag. rer. soc. oec (Betriebswirtschaftslehre), Dipl. Lebens- und Sozialberaterin
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2 Antworten zu Soziale Kompetenz – ein inflationär verwendeter Begriff

  1. In vielen Management Training Programmen wird „soziale Kompetenz“ bzw. „emotionale Intelligenz“ wirklich viel zu häufig verwendet. Andererseits sollten beim Management Training diese Bereiche auch nicht komplett ausgelassen werden.

    • Irene Pollak schreibt:

      Ja, ich stimme Ihnen zu. Der Begriff wird häufig verwendet und Sozialkompetenz ist in der Tat ein Schlüsselfaktor für Erfolg. Wie immer man „Erfolg“ nun auch definieren mag. Jedoch wäre eine wissenschaftlich fundierte und reflektierte Verwendung und Anwendung des Konzeptes der Sozialkompetenz für für alle Beteiligten sinnvoller und wirksamer. Ganz besonders auch im Hinblick auf langfristige Wirksamkeit. Danke für Ihren Beitrag!

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