BESTIE MENSCH: Warum (fast) alle Gruppen einen Sündenbock brauchen

Dr. Thomas Müller, ein österreichischer Psychologe, beschreibt in seinem Buch „Gierige Bestie – Erfolg, Demütigung, Rache“[i], wie ein langjähriger Mitarbeiter seine hohe Intelligenz und Kompetenz nützt, in das Datenbanksystems seines Unternehmens einzudringen und hochsensible Daten zu kopieren. Er wollte diese Daten an die Öffentlichkeit bringen und damit das Unternehmen vernichten. Dies sollte die letzte Rache sein für die an ihm vollzogenen Mobbinghandlungen.

In seinem zweiten Buch[ii] erwähnt Dr. Thomas Müller kurz die Tatsache, dass über den ehemaligen Gründer der Verhaltensforschungseinheit Robert K. Ressler, beim FBI nach dessen Ausscheiden aus dem Dienst sehr ambivalent gesprochen wurde. Die ehemaligen Kollegen äußerten sich zum Teil voller Achtung, zum Teil zurückhaltend und zum Teil äußerst abfällig über Robert K. Ressler. Auf Befragen von Dr. Thomas Müller fasste ein älterer FBI Agent die Gründe für diese eigenartige Diskrepanz bei der Beurteilung einer nicht mehr anwesenden Person wie folgt zusammen: „Es ist sein Erfolg“. Damit meinte er, Menschen würden alles verzeihen: Trunkenheit, Scheidungen, kleinere Vergehen, aber eines verzeiht der Mensch niemals: Erfolg! Auch hier eine Spielart von Mobbing.

Wir müssen aber nicht in psychologischen Werken nach Beispielen suchen. Bestimmt kennen Sie selbst derartige destruktive Verhaltensweisen von Gruppen gegenüber einem Gruppenmitglied, etwa

  • das „schwarze Schaf“ in der Familie
  • der „Schleudersitz“ im Job

Vielleicht waren Sie selbst schon in der Rolle des Opfers? Oder auch des Täters?

Weshalb kommt es zu diesem Phänomen?

Zuerst einmal: Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle. Jede (unreife) Gruppe[iii] braucht einen Sündenbock und die Wahl kann auf jeden fallen. Wie nützt nun der Sündenbock der Gruppe?

Nach dem heutigen Stand des psychologischen und soziologischen Wissens schließen sich Menschen aus folgenden Gründen zu gemeinsamen destruktiven Handlungen gegen eines ihrer Gruppenmitglieder zusammen:

  • Angst vor eigener Ausgrenzung
  • Identitätsfindung der Gruppe durch Abgrenzung vom gemobbten Außenseiter
  • Erhöhung des Status des Einzelnen
  • Förderung des Gruppenzusammenhaltes
  • Ablenkung von eigenen Unzulänglichkeiten und internen Problemen

Wie können Sie sich vor einem destruktiven Umfeld schützen?

Es gibt zahlreiche gut gemeinte Ratschläge, wie Opfer sich vor derartigen Übergriffen schützen könnten. Die Branche der psychologischen Berater verdient mit dem Wecken fragwürdiger Hoffnung eine Menge Geld. Vielleicht hilft Ihnen jedoch die folgende Metapher:

Wenn Sie auf der Straße von einer Gruppe Menschen physisch angegriffen werden, wie schätzen Sie Ihre Chance ein, sich als Einzelperson gegen eine Gruppe von Angreifern zu behaupten? Vielleicht gehen Sie bei der Beantwortung dieser Frage nicht davon aus, dass Sie über die Superkräfte von Bud Spencer und Terence Hill verfügen.

Und im psychologischen Bereich? In unserer Gesellschaft und vor Gericht herrscht der Grundsatz: „(Mindestens) zwei Zeugen tun die Wahrheit kund“. Wie groß denken Sie ist die Chance, dass man Ihnen glauben wird?

Falls Sie weiterführende Informationen benötigen können Sie mich auch über meine Website  www.reflekt.at kontaktieren.


[i] Thomas Müller, Gierige Bestie, Erfolg · Demütigung · Rache, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008

[ii] Thomas Müller, Bestie Mensch, Lüge · Tarnung · Strategie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006

[iii] „Unreife Gruppe“ ist ein Begriff der Gruppendynamik

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Über Irene Pollak

Mag. rer. soc. oec (Betriebswirtschaftslehre), Dipl. Lebens- und Sozialberaterin
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